LG Berlin, Beschluß des vom 31. Oktober 2006 – (551 Rh) 3 Js 158/06 (135/06) –

Wortlaut der Beschlusses des LG Berlin vom 31.10.2006 – (551 Rh) 3 Js 158/06 (135/06) –

Verantwortliche Richter: 

Cornel Christoffel Position: Vorsitzender Richter am LG
Thomas Rosenthal Position: Richter am LG
Michael Heinatz Position:  Richter am LG

Anlaß und maßgeblicher Inhalt der Entscheidung: 

Die Entscheidung betrifft eine Entnazifizierungsmaßnahme im Rahmen der sog. Industriereform im Ostteil von Berlin, wegen welcher der Antragsteller eine strafrechtliche Rehabilitierung begehrt hatte. Das LG Berlin legt dazu dar, das betriebliche Vermögen des Betroffenen sei zunächst beschlagnahmt worden. Daneben sei der sowjetischen Zentralkommandantur ein Enteignungsvorschlag wegen des Vermögens des Betroffenen am 30. Januar 1948 zugegangen, der darauf gestützt gewesen sei, der Betriebsinhaber sei ein Kriegsgewinnler sowie Parteigenosse und Mitglied der SA gewesen. Danach sei das Vermögen aufgrund des Berliner Enteignungsgesetzes vom 8. Feburar 1949 eingezogen und dazu auf die sog. Liste 3 gesetzt worden.

In der die Rehabilitierung ablehnenden Entscheidung vom 31. Oktober 2006 hält es die 51. Strafkammer des LG Berlin nicht einmal für nötig, diese rechtlich näher zu begründen, sondern verweist auf eine Stellungnahme der Generalstaatsanwaltschaft Berlin vom 26. Juni 2006.

Der Beschluß des LG Berlin leidet bereits deshalb an einem schweren Mangel, weil die Kammer ihrer Verpflichtung aus § 10 Abs. 1 Satz 1 StrRehaG, den Sachverhalt von Amts wegen aufzuklären, nicht einmal im Ansatz nachgekommen ist. Dazu gehört es auch, die Rechtstatsachen der Verfolgung aufzuklären, weil die Rechtsordnung im früheren Ostberlin eine fremde Rechtsordnung entsprechend § 293 ZPO darstellte.

Zunächst hätte es bereits ausgereicht, daß die Kammer einerseits den Enteignungsvorschlag und andererseits das Berliner Enteignungsgesetz durchgelesen hätte. Dann hätte sie festgestellt, daß Rechtsgrundlage für die Verfolgung nicht das Berliner Enteignungsgesetz, sondern allein die KRD Nr. 38 war. Dies ergibt sich zum einen aus dem Enteignungsvorschlag, der jeweils konkrete Strafbestimmungen der KRD Nr. 38 aufführt und auf das Strafverfahren nach dem SMAD-Befehl Nr. 201 Bezug nimmt. Zum anderen folgt dies daraus, daß das Berliner Enteignungsgesetz keine Rechtsgrundlage für die Verfolgung war, sondern lediglich eine besondere Form der Vollstreckung der bereits zuvor getroffenen Strafverfolgung wegen Verletzung von Tatbeständen der KRD Nr. 38 darstellte. Die ergibt sich zunächst aus § 2 EntG Bln, der auf die bereits erfolgte Schuldfeststellung nach Maßgabe der KRD Nr. 38 verweist und damit die Strafverfolgung aufgrund des Enteignungsvorschlags, dem die Funktion einer Anklageschrift zukam, voraussetzt. Darüber hinaus bestimmt § 8 EntG Bln, daß die Einziehung dem Betroffenen durch Veröffentlichung einer Liste oder durch Zustellung eines Einziehungsbescheides bekannt gegeben wird.

Eine im Rahmen der Entnazifizierung auf die KRD Nr. 38 gestützte Maßnahme war in der SBZ und in Ostberlin immer strafrechtlicher Natur, weil diese Kontrollratsdirektive dort nach Ziff. 2., 3., 5., 7. SMAD-Befehl Nr. 201 und nach Ausführungsbestimmung Nr. 3 zum SMAD-Befehl Nr. 201 nicht nur als unmittelbar anwendbares Recht, sondern ausdrücklich auch als Strafrechtsnorm erklärt worden ist.

Im Rahmen der strafrechtlichen Entnazifizierung waren in SBZ und Ostberlin zudem nicht nur Sonderstrafgerichte nach SMAD-Befehl Nr. 201, sondern auch Sonderrepressionsorgane der Verwaltung tätig, die den Gerichten im Hinblick auf die Sanktion der Vermögenseinziehung gleichgestellt waren (vgl. Ziff. 5 SMAD-Befehl Nr. 201).

Der Umstand, daß die Machthaber in der SBZ und in Ostberlin mit den strafrechtlichen Entnazifizierungsmaßnahmen auch das Ziel verfolgt haben, die Eigentumsordnung umzugestalten, steht dem Strafcharakter nicht entgegen. Dieser zusätzliche Zweck belegt vielmehr lediglich den den Rehabilitierungsanspruch auslösenden Mißbrauch eines strafrechtlichen Instrumentariums. Unabhängig davon ist der Zweck der Umverteilung der Produktionsmittel auch ein ständiges Motiv im Rahmen der Verfolgung wegen vermeintlicher Wirtschaftsverbrechen gewesen, deren Strafcharakter auch in der Rechtsprechung der bundesdeutschen strafrechtlichen Rehabilitierungsgerichte außer Frage steht. Nichts anderes kann deshalb für die weit weniger rechtsstaatlich durchgeführten strafrechtlichen Entnazifizierungsmaßnahmen gelten.

Warum die Entscheidung unvertretbar ist: 

Der Beschluß des LG Berlin leidet bereits deshalb an einem schweren Mangel, weil die Kammer ihrer Verpflichtung aus § 10 Abs. 1 Satz 1 StrRehaG, den Sachverhalt von Amts wegen aufzuklären, nicht einmal im Ansatz nachgekommen ist. Dazu gehört es auch, die Rechtstatsachen der Verfolgung aufzuklären, weil die Rechtsordnung im früheren Ostberlin eine fremde Rechtsordnung entsprechend § 293 ZPO war.

Dazu hätte es zunächst bereits ausgereicht, daß die Kammer einerseits den Enteignungsvorschlag und andererseits das Berliner Enteignungsgesetz durchgelesen hätte. Dann hätte sie festgestellt, daß Rechtsgrundlage für die Verfolgung nicht das Berliner Enteignungsgesetz, sondern allein die KRD Nr. 38 war. Dies ergibt sich zum einen aus dem Enteignungsvorschlag, der jeweils konkrete Strafbestimmungen der KRD Nr. 38 aufführt und auf das Strafverfahren nach dem SMAD-Befehl Nr. 201 Bezug nimmt. Zum anderen folgt dies daraus, daß das Berliner Enteignungsgesetz keine Rechtsgrundlage für die Verfolgung war, sondern lediglich eine besondere Form der Vollstreckung der bereits zuvor getroffenen Strafverfolgung wegen Verletzung von Tatbeständen der KRD Nr. 38 darstellte. Dies ergibt sich zunächst aus § 2 EntG Bln, der auf die bereits erfolgte Schuldfeststellung nach Maßgabe der KRD Nr. 38 verweist und damit die Strafverfolgung aufgrund des Enteignungsvorschlags, dem die Funktion einer Anklageschrift zukam, voraussetzt. Darüber hinaus bestimmt § 8 EntG Bln, daß die Einziehung dem Betroffenen durch Veröffentlichung einer Liste oder durch Zustellung eines Einziehungsbescheides bekannt gegeben wird.

Eine im Rahmen der Entnazifizierung auf die KRD Nr. 38 gestützte Maßnahme war in der SBZ und in Ostberlin immer strafrechtlicher Natur, weil diese Kontrollratsdirektive dort nach Ziff. 2., 3., 5., 7. SMAD-Befehl Nr. 201 und nach Ausführungsbestimmung Nr. 3 zum SMAD-Befehl Nr. 201 nicht nur als unmittelbar anwendbares Recht, sondern ausdrücklich auch als Strafrechtsnorm erklärt worden ist.

Im Rahmen der strafrechtlichen Entnazifizierung waren in SBZ und Ostberlin zudem nicht nur Sonderstrafgerichte nach SMAD-Befehl Nr. 201, sondern auch Sonderrepressionsorgane der Verwaltung tätig, die den Gerichten im Hinblick auf die Sanktion der Vermögenseinziehung gleichgestellt waren (vgl. Ziff. 5 SMAD-Befehl Nr. 201).

Der Umstand, daß die Machthaber in der SBZ und in Ostberlin mit den strafrechtlichen Entnazifizierungsmaßnahmen auch das Ziel verfolgt haben, die Eigentumsordnung umzugestalten, steht dem Strafcharakter nicht entgegen. Dieser zusätzliche Zweck belegt vielmehr lediglich den den Rehabilitierungsanspruch auslösenden Mißbrauch eines strafrechtlichen Instrumentariums. Unabhängig davon ist der Zweck der Umverteilung der Produktionsmittel auch ein ständiges Motiv im Rahmen der Verfolgung wegen vermeintlicher Wirtschaftsverbrechen gewesen, deren Strafcharakter auch in der Rechtsprechung der bundesdeutschen strafrechtlichen Rehabilitierungsgerichte außerfrage steht. Nichts anderes kann deshalb für die weit weniger rechtsstaatlich durchgeführten strafrechtlichen Entnazifizierungsmaßnahmen gelten.