VG Berlin, Beschluss vom 02.11.2006 – 9 A 365.04 –

Wortlaut des Beschlusses des VG Berlin vom 02.11.2006 – 9 A 365.04 –

Verantwortliche Richter: 

Dr. Petra Michaelis-Merzbach Position: Vorsitzende Richterin am VG
Dr. Beate Galler-Braun Position: Richterin am VG
Jürgen Becker Position: Richter am VG

Anlaß und maßgeblicher Inhalt der Entscheidung: 

Der Beschluß des VG Berlin vom 2. November 2006 ist in einem Verfahren ergangen, in dem die Kläger die verwaltungsrechtliche Rehabilitierung wegen der Verfolgung im Rahmen der sog. Industriereform im Ostteil von Berlin beantragt hatten. Bei Einreichung der Klage gingen die Kläger noch davon aus, daß Rechtsgrundlage für die Verfolgung das Berliner Gesetz zur Einziehung von Vermögenswerten der Kriegsverbrecher und Naziaktivisten vom 8. Februar 1949 (VOBl. I S. 34) war. Im Laufe des sich über mehr als drei Jahre hinziehenden verwaltungsgerichtlichen Verfahrens ist den Klägern aber der Nachweis gelungen, daß tatsächliche Rechtsgrundlage die KRD Nr. 38 war, die in Ostberlin und in der SBZ ausschließlich als Strafgesetz angewendet wurde. Deshalb haben sie die Verweisung des Rechtsstreits an das zuständige strafrechtliche Rehabilitierungsgericht angeregt.

Die Kammer begründet ihren Beschluß, in dem sie eine Verweisung an das strafrechtliche Rehabilitierungsgericht ablehnt, zunächst damit, die Anregung, den Rechtsstreit wegen Unzuständigkeit des Verwaltungsgerichts zu verweisen, stelle eine Klageänderung dar, weil im strafrechtlichen Rehabilitierungsverfahren der Beklagte, die verwaltungsrechtliche Rehabilitierungsbehörden, aus dem Verfahren zu entlassen sei. Eine Änderung des Beklagten stelle eine Klageänderung dar. Im übrigen gesteht die Kammer den Klägern zwar zu, daß sich der Charakter des der Klage zugrunde liegenden Rechtsverhältnisses nach dem erkennbaren Ziel des Rechtsschutzbegehrens und des zu seiner Begründung vorgetragenen Sachverhalts bemesse. Es genüge für die Annahme einer öffentlich-rechtlichen Streitigkeit aber grundsätzlich, daß sich die Kläger auf eine materielle Anspruchsgrundlage berufen, für die der beschrittene Rechtsweg zulässig wäre. Etwas anderes gelte nur, wenn diese Anspruchsgrundlage aufgrund des vorgetragenen Sachverhalts so offensichtlich nicht gegeben sein könne, daß kein Bedürfnis dafür bestehe, die Klage insoweit mit Rechtskraftwirkung abzuweisen. Nach diesen Kriterien meint die Kammer, eine Verweisung ablehnen zu können, weil die Kläger in ihrer Klage ursprünglich eine verwaltungsrechtliche Rehabilitierung beantragt und auch dargelegt hätten, die Rechtsprechung des BVerwG zu § 1 Abs. 1 Satz 3 VwRehaG, wonach die Fälle der Verfolgungsmaßnahmen auf besatzungsrechtlicher und besatzungshoheitlicher Grundlage vom Anwendungsbereich des Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes ausgeschlossen würden, führe zu einem verfassungswidrigen Ergebnis. Mit diesem Vortrag müsse sich die Kammer in einer verwaltungsgerichtlichen Entscheidung auseinandersetzen, so daß ein Bedürfnis für eine Entscheidung durch das Verwaltungsgericht bestehe.

Warum die Entscheidung unvertretbar ist: 

Der Beschluß der Kammer läßt erkennen, daß sie in jedem Fall vermeiden wollte, den Rechtstreit an das strafrechtliche Rehabilitierungsgericht zu verweisen und es mit dieser Rechtswegentscheidung zu binden. Aufgrund der Rechtswegverweisung hätte ein strafrechtliches Rehabilitierungsgericht vom Strafcharakter der Verfolgung ausgehen und – da der Verfolgungscharakter der auf der Grundlage der KRD Nr. 38 ergriffenen Maßnahmen außer Frage steht – die begehrte Rehabilitierung aussprechen müssen. Um das Ergebnis des Beschlusses zu begründen, bedient sich die Kammer freilich Argumentationsfiguren, die mit geltendem Prozeßrecht nicht vereinbar sind.

Eine Klageänderung liegt nur vor, wenn die klagende Partei den Streitgegenstand eines anhängigen Verfahrens nachträglich durch eine Erklärung gegenüber dem Gericht ändert. Ein Kläger, der vorträgt, sein geltend gemachter Anspruch sei tatsächlich kein verwaltungsrechtlicher, sondern ein strafrechtlicher, trägt aber keinen anderen Streitgegenstand vor. Auch wenn er darlegt, eine konkrete Verfolgungsmaßnahme sei tatsächlich strafrechtlich und nicht – wie von ihm zunächst angenommen – verwaltungsrechtlich, begehrt er unverändert lediglich eine Rehabilitierung und damit eine Aufhebung wegen der unverändert streitgegenständlichen Maßnahme. Es ist zwar zutreffend, daß die Rechtsprechung auch einen Wechsel des Beklagten als Klageänderung behandelt. Dies gilt aber nur dann, wenn der Parteiwechsel nicht kraft Gesetzes eintritt. Daß die verwaltungsrechtliche Rehabilitierungsbehörde als Beklagte für den Fall der Fortführung des Gerichtsverfahrens durch ein strafrechtliches Rehabilitierungsgericht aus dem Verfahren ausscheidet, ist ausschließlich Folge der gesetzlichen Ausgestaltung des verwaltungsrechtlichen und des strafrechtlichen Rehabilitierungsverfahrens und ist nicht darauf zurückzuführen, daß sich der Kläger nachträglich entscheidet, doch gegen einen anderen Beklagten vorzugehen. Obgleich dieser maßgebliche Umstand der Kammer, der einen Rückgriff auf die Rechtsprechung der Klageänderung bei gewillkürtem Parteiwechsel nicht zuläßt, von den Klägern eingehend dargelegt worden war, geht diese bezeichnenderweise darauf mit nicht einem Wort ein.

Ohnehin liegen die Darlegungen der Kammer insoweit schon deshalb rechtlich neben der Sache, weil sie über eine mögliche Klageänderung nur entscheiden dürfte, wenn bereits feststeht, daß sie für die Entscheidung über die eingereichte Klage überhaupt zuständig ist. Dies aber war aufgrund des klägerischen Hinweises, die Kammer sei unzuständig, weil der streitgegenständliche Verfolgungsakt strafrechtlicher Natur gewesen sei, zunächst einmal zu klären.

Die Kammer hat dann allerdings die Prüfung ihrer Zuständigkeit im Anschluß daran vorgenommen, ist hierbei aber ebenfalls einem schweren Denkfehler erlegen und beruft sich insoweit zu Unrecht auf die Rechtsprechung des BVerwG. Ob der Verwaltungsrechtsweg und damit eine Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts gegeben ist, beurteilt sich danach, ob der Streitgegenstand öffentlich-rechtlicher Natur ist. Der Streitgegenstand bestimmt sich, wie auch die Kammer zutreffend festhält, nach dem erkennbaren Ziel des Rechtsschutzbegehrens und des zu seiner Begründung vorgetragenen Sachverhalts. Insofern begehrten die Kläger zum einen eine Rehabilitierung und damit die Aufhebung des Verfolgungsaktes, andererseits war aber der Sachverhalt die Verfolgung im Rahmen der in Ostberlin durchgeführten sog. Industriereform. Dabei ist das bloße Nachschieben von Tatsachen, also der weitere Vortrag, die Verfolgung sei seinerzeit nicht auf das Berliner Gesetz vom 8. Februar 2007, sondern auf die KRD Nr. 38 gestützt worden, anerkanntermaßen keine Klageänderung. Von einer Klageänderung ließe sich dagegen nur ausgehen, wenn die Kläger einen ganz anderen Sachverhalt vorgetragen hätten, also etwa nicht mehr die Aufhebung der das Vermögen entziehenden Verfolgungsmaßnahme, sondern ein zusätzlich verhängtes Berufsverbot als Verfolgungsakt dargelegt hätten.

Die Kammer meint aber, für die Annahme einer öffentlich-rechtlichen Streitigkeit genüge es, daß sich der Kläger auf eine materielle Anspruchsgrundlage berufe, für die der beschrittene Rechtsweg zulässig wäre. Damit will sie zum Ausdruck bringen, daß der Rechtsstreit öffentlich-rechtlicher Natur sei, weil sich die Kläger zunächst auf einen Anspruch nach dem Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetz berufen haben. Der von der Kammer aufgestellte Rechtssatz ist aber – selbst in der Rechtsprechung – nicht anerkannt. Sie räumt denn auch ein, daß der Rechtssatz jedenfalls eingeschränkt werden muß und beruft sich dazu auf eine Entscheidung des BVerwG, die sie aber zumindest ungenau zitiert. Die Kammer legt dar, etwas anderes gelte nur, „wenn diese Anspruchsgrundlage aufgrund des vorgetragenen Sachverhalts so offensichtlich nicht gegeben sein kann, daß kein Bedürfnis dafür besteht, die Klage insoweit mit Rechtskraftwirkung abzuweisen.“ Dagegen lautet der Leitsatz des von der Kammer in Bezug genommenen Beschlusses des BVerwG vom 15. Dezember 1992 (NVwZ 1993, 359): „Eine Verweisung des Rechtsstreits nach § 17a Abs. 1 Satz 1 GVG ist nur dann geboten und zulässig, wenn der beschrittene Rechtsweg schlechthin, d.h. für den Klageanspruch mit allen in Betracht kommenden Klagegründen, unzulässig ist.“

Nach dem Leitsatz des BVerwG liegt es auf der Hand, daß die Verweisung an das strafrechtliche Rehabilitierungsgericht geboten und zulässig war. Denn ein nach der KRD Nr. 38 strafrechtlich Verfolgter hat nur einen Anspruch auf strafrechtliche, nicht aber auf verwaltungsrechtliche Rehabilitierung, weil diese immer eine Verwaltungsentscheidung voraussetzt (§ 1 Abs. 1 Satz 1 VwRehaG). Damit ist eine Klage auf verwaltungsrechtliche Rehabilitierung in jedem Fall unzulässig und muß deshalb an das zuständige strafrechtliche Rehabilitierungsgericht verwiesen werden.

Die Kammer meint aber, es bestehe ein Bedürfnis, dennoch über eine verwaltungsgerichtliche Klage zu entscheiden, weil die Kläger angezweifelt hätten, daß die Annahme, § 1 Abs. 1 Satz 3 VwRehaG schließe verfolgungsbedingte Vermögensentziehungen aus dem Anwendungsbereich des Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes aus, mit dem Grundgesetz vereinbar sei. Diese Frage stellt sich für ein Verwaltungsgericht jedoch erst, wenn feststeht, ob es überhaupt zuständig ist, über einen solchen Rechtsstreit zu entscheiden. Insofern hätte die Kammer des VG Berlin zunächst einmal prüfen müssen, ob angesichts der strafrechtlichen Verfolgung überhaupt der positive Anwendungsbereich des Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes berührt sein könnte oder ob ein auf dieses Gesetz gestützter Rehabilitierungsanspruch von vornherein nicht in Betracht kommt und ob deshalb auch der beschrittene Rechtsweg schlechthin ausscheidet. Gegenüber strafrechtlichen Verfolgungsmaßnahmen aber ist der Rechtsweg zu den Verwaltungsgerichten niemals eröffnet.

Insgesamt weist der Beschluß des VG Berlin derart gravierende Mängel bei der Anwendung prozeßrechtlicher Vorschriften auf, daß nicht unterstellt werden kann, die Kammer habe so nur aus mangelnder Rechtskenntnis entschieden.

 

BVerwG, Urteil vom 28.2.2007 – 3 C 18.06 –

Wortlaut der Entscheidung

Verantwortliche Richter: 

Dieter Kley Position: Vorsitzender Richter am BVerwG
Dr. Sebastian Dette Position: Richter am BVerwG
Hans Jürgen van Schewick Position: Richter am BVerwG
Stefan Liebler Position: Richter am BVerwG
Prof. Dr. Klaus Rennert Position: Richter am BVerwG 

Anlaß und maßgeblicher Inhalt der Entscheidung: 

Gegenstand des Urteils ist der besondere Fall, daß eine Bodenreformmaßnahme im Einzelfall nachweislich von der sowjetischen Besatzungsmacht untersagt war und deshalb nach ständiger Rechtsprechung des BVerwG nicht als auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage beruhend angesehen werden konnte. Der geltend gemachte Anspruch auf verwaltungsrechtliche Rehabilitierung konnte deshalb nur abgelehnt werden, wenn die eingeleiteten Maßnahmen der deutschen Organe in der SBZ keinen Akt der politischen Verfolgung i.S. von § 1 II VwRehaG darstellte.

In seinem Urteil vom 28. Februar 2007 legt der 3. Senat des BVerwG dar, weshalb er annimmt, die sog. Demokratische Bodenreform sei jedenfalls dann keine politische Verfolgung, wenn sie Personen mit einem Hof in Größe von mehr als 100 ha betroffen hat. Dazu legt er dar, die Annahme der Vorinstanz, nämlich des Verwaltungsgerichts Greifswald, diesen Betroffenen der Bodenreform sei seinerzeit keine persönliche Sanktion zugefügt worden. Dies ergebe sich daraus, daß die maßgeblichen Bodenreformverordnungen an die Größe des jeweils enteigneten Hofs und nicht an ein Fehlverhalten der Betroffenen angeknüpft hätten. Im übrigen habe die Bodenreform der Verteilung von land- und forstwirtschaftlichen Flächen an landarme Bauern und Flüchtlinge aus den Ostgebieten gedient.

Warum die Entscheidung unvertretbar ist: 

Das Urteil leidet an besonders schwerwiegenden Fehlern. Diese liegen darin begründet, daß der Senat zunächst das gesetzliche Merkmal der politischen Verfolgung i.S.  von § 1 Abs. 2 i.V.m. Abs. 1 Satz 1 VwRehaG entgegen der ständigen Rechtsprechung des BVerfG und des BVerwG sowie ohne jede rechtliche Absicherung in sinnwidriger Weise bestimmt, dann aber auch in dem Umstand, daß der Senat die Tatsachen der Verfolgung bei der Prüfung des Tatbestandsmerkmals nur selektiv verwertet und damit ein Zerrbild der Unrechtsakte zeichnet.

Die Auslegung des Begriffs der politischen Verfolgung ist durch die Genfer Flüchtlingskonvention vorgegeben und umfaßt nach ständiger Rechtsprechung von BVerfG und BVerwG sämtliche Verfolgungsmaßnahmen, die ein Staat wegen der Zugehörigkeit zu einer Rasse, Religion, Nationalität oder sozialen Gruppe oder wegen einer politischen Überzeugung ergreift. Selbst diese Aufzählung ist nur beispielhaft. Zur Bestimmung der politischen Verfolgung hat das BVerwG früher auf die Motivationslage des Verfolgerstaates abgestellt, während das BVerfG in ständiger Rechtsprechung – zutreffend – auf die objektiven an äußeren Merkmalen erkennbare Gerichtetheit der Maßnahme abstellt. Der Begriff der politischen Verfolgung spiegelt dabei insbesondere die Verfolgungs- und Vertreibungsschicksale des vergangenen Jahrhunderts wieder. Weitere Voraussetzung für die Annahme einer politischen Verfolgung ist, daß die Verfolgung als solche eine Gefahr für Leib und Leben der Betroffenen oder für ihre persönliche Betroffenheit darstellt, wozu auch die Entziehung der materiellen Existenzgrundlagen zählt. Der Senat geht auf diese Prüfungsmaßstäbe jedoch mit keinem Wort ein, sondern verneint die politische Verfolgung, weil die „Bodenreform“ der Bodenneuordnung gedient habe, ohne eine Sanktion für die Betroffenen dargestellt zu haben. Im übrigen ist eine Sanktion gegen eine Person per se keine Voraussetzung für die Annahme einer politischen Verfolgung. Sie ist vielmehr ein Element der strafrechtlichen Verfolgung, über die ein Verwaltungsgericht nicht entscheiden darf. Die strafrechtliche Rehabilitierung ist allein den strafrechtlichen Rehabilitierungsgerichten vorbehalten (§ 8 Abs. 1 i.V.m. § 1 Abs. 1 Satz 1 StrRehaG).

Im übrigen mißachtet der 3. Senat des BVerwG in besonders auffälliger Weise die tatsächlichen Zusammenhänge der im Rahmen der „Bodenreform“ durchgeführten Maßnahmen. Der Senat reduziert das Unrecht auf eine einfache Bodenneuordnung und negiert den mit der „Bodenreform“ gegen „Junker“, „Feudalherren“ und „Großgrundbesitzer“ mit dem schlichten Hinweis darauf, daß die Bodenreformverordnungen an die Größe der „enteigneten“ Bodenflächen angeknüpft habe. Dabei steht außer Frage, daß die damaligen Machthaber mit der Bodengröße lediglich die zu verfolgende Personengruppe bestimmt haben. Bereits nach dem eindeutigen Wortlaut der Bodenreformverordnungen steht es außer Frage, daß es der kommunistischen Führung bei der „Bodenreform“ primär um die gesellschaftliche und wirtschaftliche „Ausrottung“, „Vernichtung“ und Kaltstellung der verfolgten Personengruppe ging. Dazu schreiben die Bodenreformverordnungen bereits in der Präambel von den Forderungen nach „Liquidierung des feudalen und junkerlichen Grundbesitzes“. In Art. I der Bodenreformverordnungen steht dann unmißverständlich: „Die Bodenreform muß die Liquidierung des feudalen junkerlichen Großgrundbesitzer gewährleisten und der Herrschaft der Junker und Großgrundbesitzer im Dorf ein Ende bereiten, weil diese Herrschaft immer eine Bastion der Reaktion und des Faschismus in unserem Lande darstellte und eine der Hauptquellen der Aggression und der Eroberungskriege gegen andere Völker war.“ Die Bodenreformverordnungen lassen also nicht den geringsten Zweifel daran, daß Ziel der kommunistischen Machthaber die gezielte persönliche Verfolgung der „Junker“ und „Feudalherren“ war. Die Bodenumverteilung war dagegen lediglich ein Nebeneffekt, den die Kommunisten ohnehin nie ernsthaft betrieben haben, weil – entgegen den Ankündigungen in den Bodenreformverordnungen – keinem Neusiedler Privateigentum übertragen wurde und die als sog. Arbeitseigentum überlassenen Bodenflächen bewußt nur so klein bemessen waren, daß sie wirtschaftlich nicht bearbeitet werden konnten, weshalb die Neubauern schon kurze Zeit später in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften gezwungen wurden.

Daß der Senat diese Vorgaben der Bodenreformverordnung bei seiner Prüfung der politischen Verfolgung völlig außer acht läßt, obgleich sie offen zutage liegen, ist ebenso unverzeihlich wie der Umstand, daß er in seiner Prüfung mit nicht einem Wort die weiteren gegen die Verfolgten ergriffenen Maßnahme etwa der Vertreibung, der Internierung, der systematischen Erzeugung einer Pogromstimmung, der Aberkennung des aktiven und passiven Wahlrechts, der Ausbürgerung oder der Registrierung als Kriegs- und Naziverbrecher erwähnt, obgleich auch gerade dadurch der Charakter der Bodenreform als politische Verfolgungsaktion begründet wird.

Wie weit der 3. Senat des BVerwG den Boden des Rechtsstaats mit seinem Urteil vom 28. Februar 2007 verlassen hat, wird schließlich dadurch besonders signifikant, daß er bei identischen Prüfungsgrundsätzen annehmen müßte, die „Arisierung“ des NS-Regimes sei keine politische Verfolgung gewesen, wie Wasmuth in einem lesenswerten Beitrag in der Zeitschrift für offene Vermögensfragen (ZOV) 2007, S. 17ff. eingehend dargelegt hat. Damit bestünden auch für Juden keine Rückgabeansprüche wegen des ihnen unter der Herrschaft des NS-Regimes zugefügten Verfolgungsunrechts. Auch dies zeigt, daß das Urteil des 3. Senats des BVerwG vom Urteil vom 28. Februar 2007 nichts als einen schweren rechtlichen Mißgriff darstellt und daß dabei, wie Wasmuth schreibt, nicht „mit rechten Dingen“ zugegangen sein kann.

 

BVerwG, Urteil vom 21.02.2002 – 3 C 16.01 –

Wortlaut der Entscheidung

Verantwortliche Richter: 

Prof. Dr. Hans-Joachim Driehaus Position: Vorsitzender Richter am BVerwG
Dr. Hermann Borgs-Maciejewski Position: Richter am BVerwG
Peter Kimmel Position: Richter am BVerwG
Dr. Bernd Brunn Position: Richter am BVerwG
Hans Jürgen van Schewick Position: Richter am BVerwG

Anlaß und maßgeblicher Inhalt der Entscheidung: 

Gegenstand des Urteils des 3. Senats des BVerwG ist die Verfolgung eines ehemaligen Hofinhabers, der von Organen des sowjetischen NKWD in ein Lager verbracht und dort umgebracht wurde. Deswegen ist der Betroffene durch Bescheid der Russischen Generalstaatsanwaltschaft rehabilitiert worden. Parallel dazu wurde sein Hof von deutschen Organen zunächst auf der Grundlage des SMAD-Befehls Nr. 124 sequestriert und „enteignet“. Dabei behauptet der 3. Senat des BVerwG, die „Enteignung“ sei auf Nr. 1 lit. b SMAD-Befehl Nr. 124 gestützt gewesen.

Mit der Klage ist die verwaltungsrechtliche Rehabilitierung wegen der „Enteignung“ begehrt worden. Einen solchen Anspruch hat der 3. Senat des BVerwG verneint. Dies ergebe sich aus § 1 Abs. 1 Satz 3 VwRehaG, der auf die Fallgruppen in § 1 Abs. 8 VermG verweise und diese damit auch aus dem nach § 1 Abs. 1 Satz 1 VwRehaG begründeten Anwendungsbereich des Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes ausschließe. § 1 Abs. 1 Satz 3 VwRehaG stelle auch nicht nur klar, daß zu den nach § 1 Abs. 1 Satz 2 VwRehaG vom Vermögensgesetz erfaßten und daher ebenfalls vom Anwendungsbereich des Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes auch die in § 1 Abs. 8 VermG geregelten Fallgruppen gehören. Dem stehe auch nicht entgegen, daß es sich bei der vermögensrechtlichen Rückgabe und der verwaltungsrechtlichen Rehabilitierung nebst vermögensrechtlichen Folgeansprüchen um zwei getrennte Sach- und Normbereiche handelt. Zur Begründung dieser Ansicht beruft sich der Senat auf die Regierungsbegründung zum Entwurf von § 1 Abs. 1 Satz 3 VwRehaG, in der es heißt, damit „werden im wesentlichen zwei große Enteignungsaktionen aus dem Anwendungsbereich des Vermögensgesetzes und der verwaltungsrechtlichen Rehabilitierung ausgeschlossen: die entschädigungslosen Enteignungen im Bereich der Industrie zugunsten der Länder der ehemaligen SBZ bzw. im Rahmen der sogenannten `demokratischen Bodenreform`.“ Insofern liege dem Gesetz die Vorstellung zugrunde, daß die beiden Enteignungsaktionen regelmäßig Verfolgungsunrecht darstellten und daher ohne eine spezielle Ausschlußklausel nach dem Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetz zu rehabilitieren wären. Der Gesetzgeber habe sich aber statt dessen dafür entschieden, besatzungsbezogene rechtsstaatswidrige Zugriffe auf das Vermögen unabhängig von deren Verfolgungscharakter allein nach den Vorschriften des Ausgleichsleistungsgesetzes wiedergutzumachen.

Warum die Entscheidung unvertretbar ist: 

Zunächst ist richtigzustellen, daß die dem geltend gemachten Anspruch zugrundeliegende „Enteignung“ nicht auf der Grundlage von Ziff. 1 lit. b SMAD-Befehl Nr. 124 ergangen ist. Diese Vorschrift war lediglich Rechtsgrundlage für die Sequestration, der ausschließlich eine vorläufige Sicherungsfunktion, aber keine endgültige „Enteignungswirkung“ zukam. Vielmehr haben die Länder und Provinzen wegen der Entscheidung über die „Enteignung“ auf die sächsischen Richtlinien zum Volksentscheid vom April 1946 zurückgegriffen und nach deren Maßstäben darüber entschieden, ob der Betroffene als Kriegsverbrecher oder Naziaktivist schuldig und damit zu „enteignen“ war. Diesen Sachverhalt zutreffend aufzuklären wäre freilich bereits Aufgabe des Verwaltungsgerichts Greifswald gewesen. Das BVerwG konnte freilich mangels entsprechender Rügen in der Revision von diesem – sachlich unzutreffenden – Sachverhalt ausgehen.

Unvertretbar ist die Argumentation des 3. Senat des BVerwG aber, weil sie auf einem schweren Denkfehler beruht. Der Senat nimmt – ebenso wie bereits zuvor der 7. Senat des BVerwG – an, daß sich die Anwendungsbereiche des Vermögensgesetzes einerseits und des Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes andererseits per se nicht überschneiden, sondern zwei unterschiedliche Sach- und Normbereiche darstellen. Danach greift das Vermögensgesetz nur bei Maßnahmen, die „zielgerichtet den Entzug des zurückverlangten Gegenstandes bezweckt haben“, während Unrechtsmaßnahmen i.S. von § 1 VwRehaG selbst dann, wenn sie auch einen Vermögensverlust auslösten, „primär andere Zwecke“ verfolgt haben und durch „grob rechtsstaatswidrige Eingriffe in die Persönlichkeitssphäre des Geschädigten gekennzeichnet“ waren. Das bedeutet: Ein Unrechtsakt kann per se entweder nur in den Anwendungsbereich des Vermögensgesetzes oder in denjenigen des Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes fallen. Dagegen ist es von vornherein ausgeschlossen, daß ein und derselbe Unrechtsakt von den Geltungsbereichen beider Gesetze erfaßt wird. Wenn bei dieser Konstellation § 1 Abs. 1 Sätze 2 und 3 VwRehaG diejenigen Tatbestände von in § 1 Abs. 1 Satz 1 VwRehaG beschriebenen Anwendungsbereich des Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes ausnimmt, die bereits positiv oder negativ in den Geltungsbereich des Vermögensgesetzes fallen, können diese Ausschlußtatbestände nur leerlaufen. Erfaßt nämlich § 1 Abs. 1 Satz 1 VwRehaG lediglich Fälle der verwaltungsrechtlichen politischen Verfolgung, nicht aber auch bloße entschädigungslose diskriminierende Konfiskationsakte, dann erfassen auch die Ausschlußtatbestände, die durch ihre Verweisung auf die Fallgruppen von § 1 Abs. 1 bis 5 VermG einerseits und von § 1 Abs. 8 VermG andererseits keinen Tatbestand, der in den positiven Anwendungsbereich des § 1 Abs. 1 Satz 1 VwRehaG fallen könnte.

Angesichts dieser Zusammenhänge basiert das Urteil des 3. Senats des BVerwG auf einem logischen Trugschluß. Dieser ergibt sich aus folgender Argumentation des Gerichts: Der Senat hält zunächst uneingeschränkt an der Rechtsprechung des 7. Senats des BVerwG fest, Verwaltungsrechtliches Rehabilitierungsgesetz und Vermögensgesetz enthielten jeweils unterschiedliche Sach- und Normbereiche. Hätte er diese Rechtsprechung verlassen wollen, hätte der 3. Senat des BVerwG den Rechtsstreit dem Gemeinsamen Senat vorlegen müssen, was nicht geschehen ist. Darüber hinaus nimmt der 3. Senat des BVerwG an, daß die dem Urteil zugrundeliegende Unrechtsmaßnahme keine bloße Konfiskation, sondern ein Akt personenbezogener politischer Verfolgung war. Dann wird dieser Fall von vornherein nicht vom Vermögensgesetz, sondern nur von § 1 Abs. 1 Satz 1 VwRehaG erfaßt. Da § 1 Abs. 1 Sätze 2 und 3 VwRehaG ihrerseits lediglich auf § 1 Abs. 1 bis 5 VermG bzw. auf § 1 Abs. 8 VermG verweisen, werden Akte politischer Verfolgung auch davon nicht erfaßt und nicht aus dem in § 1 Abs. 1 Satz 1 VwRehaG beschriebenen positiven Anwendungsbereich des Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes wieder ausgeschlossen. Dennoch behauptet dies der 3. Senat des BVerwG und darin liegt der schwere logische Trugschluß.

Der Senat sieht diesen Trugschluß natürlich auch, meint aber dennoch, seine Argumentation sei nicht widersprüchlich. Dazu beruft er sich allein auf die Gesetzesmaterialien zu § 1 Abs. 1 Satz 3 VwRehaG, aus denen sich ergebe, daß damit im wesentlichen zwei große Enteignungsaktionen aus dem Anwendungsbereich des Vermögensgesetzes und des Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes ausgeschlossen werden sollen, nämlich die entschädigungslosen „Enteignungen“ im Bereich der Industrie zugunsten der Länder der ehemaligen SBZ bzw. im Rahmen der sogenannten demokratischen Bodenreform.

Soweit der Senat dazu freilich die Regierungsbegründung zum Entwurf des Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes wörtlich zitiert, geschieht dies nur ausschnittsweise und aus dem Zusammenhang gerissen. Außerdem hat der Senat die Regierungsbegründung nicht gründlich genug gelesen.

Zunächst unterschlägt der Senat folgenden einleitenden Satz in der Regierungsbegründung:
„In Satz 3 wird klargestellt, daß das Verwaltungsrechtliche Rehabilitierungsgesetz auch auf die vom Vermögensgesetz ausdrücklich ausgeschlossenen Fallgruppen des § 1 Abs. 8 VermG keine Anwendung findet.“

Daraus ergibt sich, daß die Regelung des § 1 Abs. 1 Satz 3 VwRehaG nach dem Willen des Gesetzgebers nur eine bloße Klarstellung, also gerade keine Regelung enthält, mit der Fallgruppen aus dem positiven Anwendungsbereich des § 1 Abs. 1 Satz 1 VwRehaG wieder herausgenommen werden sollen. Vielmehr soll § 1 Abs. 1 Satz 3 VwRehaG, ebenso wie auch bereits § 1 Abs. 1 Satz 2 VwRehaG in Bezug auf „Enteignungen“ i.S. von § 1 Abs. 1 bis 5 VermG, nur nochmals bestätigen, daß § 1 Abs. 1 Satz 1 VwRehaG, der ohnehin nur Fälle der politischen Verfolgung erfaßt, nicht auch noch auf Konfiskationsakte i.S. von § 1 Abs. 8 VermG Bezug nimmt. Schon deshalb kann sich der Senat für seine Annahme, § 1 Abs. 1 Satz 3 VwRehaG sei eine tatsächlich den Anwendungsbereich des § 1 Abs. 1 Satz 3 VwRehaG beschränkende Regelungswirkung, nicht auf die Regierungsbegründung berufen.

Unabhängig davon nimmt die Regierungsbegründung in der Sache Bezug auf die Vereinbarung in Nr. 1 Satz 1 der Gemeinsamen Erklärung der beiden deutschen Regierungen vom 15. Juni 1990, in der vereinbart wurde, daß Enteignungen auf besatzungsrechtlicher und besatzungshoheitlicher Grundlage nicht mehr rückgängig gemacht werden sollen. Nicht nur das Vermögensgesetz und das Verwaltungsrechtliche Rehabilitierungsgesetz regeln jedoch zwei unterschiedliche Sach- und Normbereiche. Diese sind in identischer Weise auch bereits in der Gemeinsamen Erklärung vorgezeichnet. Danach erfaßt die Gemeinsame Erklärung, die dann im Vermögensgesetz in geltendes Recht umgesetzt wurde, lediglich entschädigungslose oder diskriminierende, auf die „Enteignung“ abzielende Unrechtsakte, nicht aber Akte der politischen Verfolgung. Für diese wurde die DDR in Nr. 9 GemErkl. lediglich verpflichtet, eine eigene Gesetzgebung zu erlassen, ohne daß Eckpunkte in der Gemeinsamen Erklärung dazu festgelegt wurden.

Nimmt aber die Regierungserklärung auf die Gemeinsame Erklärung Bezug und legt sie klarstellend dar, es sollten die von Nr. 1 GemErkl. erfaßten Enteignungen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage auch nicht in den Anwendungsbereich des Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes fallen, dann sind damit lediglich bloße Konfiskationsakte gemeint, nicht aber Maßnahmen der politischen Verfolgung mit vermögensrechtlichen Folgen. Auch unter den Unrechtsakten der sog. Industrie- und Bodenreform hat es bloße Konfiskationen gegeben, die ihrerseits keinen Verfolgungscharakter hatten. Dazu zählen etwa Reparationsakte der UdSSR, die Enteignungen der Banken und Versicherungen, die Enteignungen nach der Berliner Konzernverordnung oder die Enteignungen der Bergwerke. Die Regierungsbegründung erfaßt aber ebenso wenig wie Nr. 1 GemErkl. Maßnahmen der politischen Verfolgung. Und deshalb wiederholt der 3. Senat des BVerwG nur nochmals seinen Trugschluß, dem er wegen der getrennten Sach- und Normbereiche von Vermögensgesetz und Verwaltungsrechtlichem Rehabilitierungsgesetz erlegen ist und den er durch seinen Rückgriff auf die Regierungsbegründung auszuschließen vorgibt.

 

BVerfGE, Urteil der 2. Kammer des Zweiten Senats vom 14.12.2008 – 2 BvR 2338/07 u.a.

Wortlaut der Entscheidung

Verantwortliche Richter: 

Prof. Dr. Siegfried Broß Position: Richter des BVerfG
Prof. Dr. Dr. Udo di Fabio Position: Richter des BVerfG
Herbert Landau Position: Richter des BVerfG

Anlaß und maßgeblicher Inhalt der Entscheidung: 

Dem Beschluß liegen diverse Verfassungsbeschwerden von Personen zugrunde, die Betroffene der sog. Boden- oder der sog. Industriereform oder deren Rechtsnachfolger waren. Sie hatten vergeblich um eine straf- u d verwaltungsrechtliche Rehabilitierung wegen der durchgeführten Verfolgungsakte nachgesucht. Mit den Verfassungsbeschwerden rügen sie, der Gesetzgeber habe es unter Verstoß gegen geltendes Verfassungs- und Völkerrecht unterlassen, ihnen einen durchsetzbaren Rehabilitierungsanspruch einzuräumen. Im Wege der Verfassungsbeschwerde haben sie das Ziel verfolgt, den Gesetzgeber zum Erlaß einer entsprechenden Gesetzgebung zu veranlassen.

Die 2. Kammer des Zweiten Senats des BVerfG hat sämtliche Verfassungsbeschwerden nicht zur Entscheidung angenommen. Eine verfassungsrechtliche Verpflichtung zu einer Rehabilitierung habe nicht bestanden, weil der Gesetzgeber für den in Rede stehenden Personenkreis bereits Ansprüche nach dem Ausgleichsleistungsgesetz erlassen habe. Dagegen seien Rehabilitierungsansprüche nach § 1 Abs. 1 Satz 3 VwRehaG i.V.m. § 1 Abs. 8 lit. a VermG ausgeschlossen. Dies sei auch verfassungskonform, weil die Sowjetunion bei den Verhandlungen über die Wiedervereinigung Deutschlands nach der maßgeblichen Einschätzung der Bundesregierung darauf bestanden habe, daß die Rechtmäßigkeit der Unrechtsakte nicht revidiert würde, was der Gesetzgeber als Rehabilitierungshindernis habe auffassen dürfen. Daß die Enteignungen zu mißbilligende Unrechtsakte gewesen seien, komme durch die Kompensation durch das Ausgleichsleistungsgesetz zum Ausdruck.

Warum die Entscheidung unvertretbar ist: 

Die Entscheidung ist zwar im Ergebnis zutreffend. Unvertretbar sind aber die Rechtsausführungen der 2. Kammer des Zweiten Senats des BVerfG, mit denen die Nichtannahme der Verfassungsbeschwerden begründet wird.

Ein verfassungsrechtlicher Anspruch gegen den Bundesgesetzgeber, eine Rehabilitierungsgesetzgebung zugunsten der Betroffenen der Boden- und Industriereform zu erlassen, besteht nicht, weil er auch wegen der Fälle politischer Verfolgung während der stalinistischen Machtursupation unter sowjetischer Besatzungshoheit eine umfassende Rehabilitierungsgesetzgebung erlassen hat, die deshalb verfolgungsbedingte Akte der Boden- und Industriereform erfaßt. Soweit mit diesen Begriffen dagegen lediglich bloße Konfiskationsmaßnahmen beschrieben werden, deren Unrechtsgehalt sich darin erschöpft, daß die hat der Gesetzgeber Ansprüche nach dem Ausgleichsleistungsgesetz begründet. Daher ist für einen Anspruch auf Erlaß einer weitergehenden Gesetzgebung von vornherein kein Raum. Allein mit dieser Begründung hätten die Verfassungsbeschwerden abgelehnt werden müssen. Sie hätte auch nicht eingelegt werden dürfen, weil sie vom Gesetzgeber etwas verlangen, was dieser bereits längst geregelt hat.

Die von den Mitgliedern der 2. Kammer des Zweiten Senats des BVerfG gegebene Begründung ist aber deshalb unvertretbar, weil darin dargelegt wird, der geltend gemachte verfassungsrechtliche Anspruch bestehe deshalb nicht, weil derartige Fälle (allein) vom Ausgleichsleistungsgesetz erfaßt würden, während Rehabilitierungsansprüche wegen Vorgaben der UdSSR gesetzlich ausgeschlossen seien, was verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden sei. Nach den Darlegungen der Kammer soll dies sowohl wegen verwaltungs- als auch für strafrechtlicher Verfolgungsmaßnahmen gelten.

Das Ausgleichsleistungsgesetz gilt lediglich für Enteignungen auf besatzungsrechtlicher und besatzungsatzungsheitlicher Grundlage, für welche der Anwendungsbereich des § 1 VIII lit. a, 1. Halbs. VermG ausgeschlossen ist. Dabei handelt es sich lediglich um Unrechtsakte, deren Unrechtsgehalt sich im entschädigungslosen, diskriminierenden Vermögenszugriff erschöpft. Dagegen greift das Ausgleichsleistungsgesetz für Akte der politischen Verfolgung von vornherein nicht ein. Dies stellt bereits § 1 VIII lit. a, 2. Halbs VermG ausdrücklich klar. Danach bleiben Ansprüche nach § 1 VI und VII VermG von der Regelung des § 1 VIII lit. a, 1. Halbs. VermG unberührt. Deshalb bleibt das Vermögensgesetz nach § 1 VI und VII VermG auch dann entsprechend anwendbar, wenn die politische Verfolgung unter Herrschaft des NS-Regimes oder während der sowjetischen Besatzungshoheit den Verlust eines Vermögenswertes zur Folge hatte, der erstmals oder erneut unter sowjetischer Besatzungshoheit eingezogen wurde.

Diese Klarstellung wiederholt § 1 I 2 AusglLeistG für das Ausgleichsleistungsgesetz. Danach greift weder die Nichtanwendungsregel des § 1 VIII lit.a, 1. Halbs. VermG ein noch ist der Anwendungsbereich des Ausgleichsleistungsgesetzes betroffen, wenn ein Fall der politischen Verfolgung vorliegt, auch wenn diese Unrechtsmaßnahme auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage erfolgt ist. Vielmehr sind vermögensrechtliche Rechtsfolgen der Verfolgungsakte in entsprechender Anwendung von § 1 VI und VII VermG abzuwickeln. Dem geht bei ns-verfolgungsbedingten Vermögensschäden kein weiteres Verfahren voraus. Bei Verfolgungsmaßnahmen unter sowjetischer Besatzungshoheit muß dagegen zunächst eine straf- oder verwaltungsrechtliche Rehabilitierung beantragt werden.

Insofern gilt, was das BVerwG in ständiger Rechtsprechung zur Abgrenzung von Rehabilitierungsrecht und Recht der offenen Vermögensfragen ausgesprochen hat, uneingeschränkt auch für die Verfolgungsmaßnahmen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage: Für beide Rechtsgebiete gelten getrennte Sach- und Normbereiche. Das Rehabilitierungsrecht erfaßt ausschließlich Fälle der (personenbezogenen) politischen Verfolgung, während das Recht der offenen Vermögensfragen, zu dem auch das Ausgleichsleistungsgesetz zählt, objektbezogene Vermögensschädigungen erfaßt, deren Unrechtsgehalt sich in deren Entschädigungslosigkeit und diskriminierender Wirkung erschöpft.

Unabhängig davon ist in den Gesetzesmaterialien zum Ausgleichsleistungsgesetz ausdrücklich darauf hingewiesen worden, daß dieses Gesetz keine Form der Rehabilitierung (für Maßnahmen der politischen Verfolgung) regelt. Damit ist die Aussage der Kammer des BVerfG, Verfolgungsmaßnahmen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage seien von den Regelungen des Ausgleichsleistungsgesetzes erfaßt, mit geltendem Recht nicht vereinbar. Sie beruht darauf, daß sich die betroffenen Richter weder mit dem System von Rehabilitierungsrecht und Recht der offenen Vermögensfragen noch mit den Klarstellungsnormen in § 1 VIII lit. a, 1. Halbs. VermG und § 1 I 2 AusglLeistG noch mit den Gesetzesmaterialien zum Ausgleichsleistungsgesetz auseinandergesetzt haben und an die Stelle des geltenden Rechts ein ungeprüftes Vorverständnis setzen, das in den gesetzlichen Regelungen keine Stütze findet.

Diese Rechtslage wird auch bei einem Blick auf die geltenden Rehabilitierungsgesetze bestätigt. Das Strafrechtliche Rehabilitierungsgesetz gilt für sämtliche Maßnahmen der politisch motivierten Strafverfolgung „aus der Zeit vom 8. Mai 1945 bis zum 2. Oktober 1990“. Regelungen, die den Anwendungsbereich des Strafrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes für strafrechtliche Verfolgungen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage jedenfalls insofern einschränken könnten, als diese auch zu vermögensrechtlichen Folgen führten (Vermögenseinziehungen, Geldstrafen), enthält das Gesetz nicht. Für die Darlegung ihrer gegenteiligen Behauptung, die sich ausdrücklich auch auf das Strafrechtliche Rehabiltierungsgesetz bezieht, beruft sich die 2. Kammer des Zweiten Senats des BVerfG freilich lediglich auf § 1 I 3 VwRehaG i.V.m. § 1 VIII lit. a VermG. Diese Vorschrift sagt zum Strafrechtlichen Rehabilitierungsgesetz jedoch überhaupt nichts. Auch diese Aussage der 2. Kammer des Zweiten Senats des BVerfG stellt damit einen groben Rechtsfehler dar, der nur als eine im Rechtsstaat nicht vertretbare Einladung des BVerfG an die Fachgerichte verstanden werden kann, geltendes Recht zu brechen.

Für politische Verfolgung auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage ist im übrigen aber auch das Verwaltungsrechtliche Rehabilitierungsgesetz nicht ausgeschlossen. Dies gilt zunächst deshalb, weil auch das Verwaltungsrechtliche Rehabilitierungsgesetz in § 1 I 1 VwRehaG sämtliche verfolgungsbedingten Verwaltungsentscheidungen aus der Zeit vom 8. Mai 1945 bis zum 2. Oktober 1990 erfaßt. Im Gegensatz zum Strafrechtlichen Rehabilitierungsgesetz enthält § 1 I 3 VwRehaG zwar die Regelung, das Gesetz finde auf Verwaltungsentscheidungen für die in § 1 VIII lit. a VermG erwähnten Fallgruppen keine Anwendung. Zu diesen Fallgruppen gehören aber gerade nicht die verfolgungsbedingten Vermögensschädigungen i.S. von § 1 VIII lit. a, 2. Halbs. VermG, für welche § 1 VI und VII VermG unberührt bleiben. Diese Maßnahmen werden damit bereits aus den Fallgruppen des § 1 VIII VermG ausdrücklich ausgeschlossen. Im übrigen stellen verfolgungsbedingte Vermögensschädigungen von vornherein auch keine Enteignungen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage i.S. von § 1 VIII lit. a, 1. Halbs. VermG dar, weil danach lediglich bloße Konfiskationsmaßnahmen erfaßt werden, deren Unrechtsgehalt sich in der Umstrukturierung der Eigentumsordnung erschöpft und mit der keine anderen Rechtsfolgen oder anderen Maßnahmen mit anderen Rechtsfolgen rechtlich oder tatsächlich verbunden waren.

Dennoch läuft die Regelung des § 1 I 3 VwRehaG nicht leer. Im Gegensatz zum Strafrechtlichen Rehabilitierungsgesetz umfaßt der Anwendungsbereich des Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes nämlich nicht nur Akte der politischen Verfolgung, sondern auch reine Willkürakte. Soweit willkürliche Enteignungsmaßnahmen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage erfolgt sind, werden sie von § 1 VIII lit. a, 1. Halbs. VermG erfaßt.

Im übrigen wäre es auch systemwidrig, wenn die Rehabilitierung von Verfolgungsakten davon abhängig wären, ob sie straf- oder verwaltungsrechtlicher Natur war. Der Grad des deshalb wiedergutzumachenden Verfolgungsunrechts hängt davon nicht ab. In der Denkschrift zum Einigungsvertrag ist deshalb auch ausdrücklich dargelegt worden, das Verwaltungsentscheidungen, die eine politische Verfolgung dargestellt haben, ebenso wie politische Strafverfolgungsmaßnahmen rehabilitiert werden müssen.

Ein Rehabilitierungsausschluß von Akten politischer Verfolgung mit vermögensschädigenden Rechtsfolgen wird zudem auch von Art. 143 III GG weder gefordert noch legitimiert. Diese Bestandsgarantie erfaßt ausschließlich eigentumsschädigende Unrechtsakte, die Art. 41 des Einigungsvertrages erfaßt und die vorsehen, daß sie nicht mehr rückgängig gemacht werden. Art. 41 I EV erklärt wiederum die Gemeinsame Erklärung vom 15.6.1990 zum Bestandteil des Einigungsvertrages. Darüber hinaus bestimmt Art. 41 III EV, daß die Bundesrepublik Deutschland keine Rechtsvorschriften erlassen wird, die der Gemeinsamen Erklärung wiedersprechen. Die Gemeinsame Erklärung schließlich sieht in Ziff. 1 Satz 1 GE zwar vor, daß Enteignungen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage nicht mehr rückgängig zu machen sind. Davon sind aber nicht die in Ziff. 9 GE erwähnten Vermögenseinziehungen im Zusammenhang mit rechtsstaatswidrigen Strafverfahren erfaßt. Für diese Fälle sieht vielmehr Art. 17 EV ausdrücklich eine Rehabilitierung vor, ohne daß es deshalb eine Einschränkung für Verfolgungsakte auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage gäbe. In der Denkschrift zum Einigungsvertrag sind dem Akte der verwaltungsrechtlichen politischen Verfolgungen ausdrücklich gleichgestellt. Daher steht außer Frage, daß Art. 143 III GG Akte der politischen Verfolgung straf- und verwaltungsrechtlicher Natur auch dann nicht erfaßt, wenn sie auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage erfolgt sind.

Die Aussagen der 2. Kammer des Zweiten Senats des BVerfG zu einem gesetzlichen Rehabilitierungsausschluß von Verfolgungsakten auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage sind geltendem Recht schlicht unvereinbar.

Die Aussage der 2. Kammer des Zweiten Senats des BVerfG, für Akte der Boden- und Industriereform gebe es einen Rehabilitierungsausschluß, wäre deshalb nur dann unschädlich, wenn sie niemals solche der politischen Verfolgung, sondern ausschließlich Verstaatlichungsmaßnahmen gewesen sein sollten. Dies hat dieselbe Kammer in einem Beschluß vom 15. Dezember 2008 – 2 BvR 2462/07 – unter Berufung auf eine das Unrecht erkennbar nicht zutreffend aufarbeitende Arbeit von von der Beck (Die Konfiskationen in der Sowjetischen Besatzungszone von 1945 bis 1949, 1996, S. 91f.) zwar behauptet und dargelegt, es habe sich dabei um eine „nur vordergründig als politische Reinigungsaktion getarnte Verstaatlichung der Wirtschaft“ gehandelt.

Daß diese Darstellung der tatsächlich durchgeführten Verfolgung in aller Regel nicht den Tatsachen entspricht, ist dem BVerfG nicht anzulasten, da es kein Fachgericht ist und deshalb den Sachverhalt der Schädigung nicht festzustellen hat. Dies wäre, wie das BVerfG bereits im sog. Bodenreform II-Beschluß dargelegt hat, vielmehr Aufgabe der Fachgerichte, welche dieser Aufgabe bis heute freilich nicht nachgekommen sind. Daher seien hier einige maßgebliche Tatsachen der Verfolgung zunächst im Rahmen der Industriereform und im Anschluß daran der Bodenreform dargestellt, um zu belegen, daß es auf die Frage ankommt, ob die Rehabilitierungsgesetz auch für Verfolgungsmaßnahmen auf besatzungsrechtlicher und besatzungshoheitlicher Grundlagen einen Rehabilitierungsausschluß vorsieht oder nicht.

Soweit Industrielle in der SBZ als Kriegs- und Naziverbrecher beschuldigt worden sind, handelte es sich dabei immer um strafrechtliche Entnazifizierungsmaßnahmen. Sie waren auf die als Strafgesetz erlassenen, seinerzeit nicht veröffentlichten Richtlinien zum sächsischen Volksentscheid gestützt, die mit den Vereinbarungen der Alliierten im Potsdamer Abkommen zur Bestrafung der Kriegs- und Naziverbrecher gerechtfertigt wurden und ausdrücklich bestimmten, daß damit keine wirtschaftlichen Maßnahmen, sondern die Verfolgung von Naziverbrechern, aktivistischen Nazis  und Kriegsinteressenten bezweckt gewesen seien. Schon deshalb stimmt es mit den tatsächlichen, bislang von keinem Rehabilitierungsgericht herangezogenen Rechtsgrundlagen nicht überein, wenn auch diesen Fällen der Industriereform eine bloße Umstrukturierung der Eigentumsordnung attestiert wird. Der ausdrückliche gesetzliche Zweck der Richtlinien war vielmehr die Verfolgung von Naziverbrechern, aktivistischen Nazis und Kriegsverbrechern.

Aufgrund der sächsischen Richtlinien zum Volksentscheid, die auch in den übrigen Ländern und Provinzen angewandt wurden, sind in jedem Einzelfall Ermittlungen zur Schuld der Betroffenen als Naziverbrecher, aktivistische Nazis oder Kriegsinteressenten erhoben worden. Darüber wurde unter schwerster Mißachtung sämtlicher strafprozessualer Garantien – noch weitreichender als in den sog. Waldheimprozessen – durch die als extralegale Repressionsorgane agierenden Landes- und Präsidialkommissionen entschieden. Diese Entscheidungen wurden vom Kabinett der Landesregierung (Gesamtministerium) bestätigt, das den justitiellen Strafverfolgungsorganen der Entnazifizierung (sog. SMAD-Befehl Nr. 201-Gerichte) nach Ziff. 5 SMAD-Befehl Nr. 201, Ziff. 20 Ausführungsbestimmung Nr. 3 zum SMAD-Befehl Nr. 201 als spezifisch strafrechtlich agierendes Repressionsorgan gleichgestellt war. In Ost-Berlin wurde die Verfolgung unmittelbar auf die KRD Nr. 38 gestützt, die nach Maßgabe des SMAD-Befehls Nr. 201 ausschließlich und unmittelbar als Strafgesetz zur Entnazifizierung anzuwenden war.

Die im übrigen erlassenen Enteignungsgesetze haben dagegen lediglich eine Rechtsfolge geregelt, die mit einem Schuldspruch auf der Grundlage der Richtlinien zum sächsischen Volksentscheid oder der KRD Nr. 38 verbunden war. Andere Rechtsfolgen ergaben sich unmittelbar aus den Richtlinien zum sächsischen Volksentscheid sowie aus einer Vielzahl anderer Gesetze. Sie traten aufgrund des Schuldspruchs kraft Gesetzes ein, ohne daß es einer weiteren Entscheidung bedurfte. Diese Rechtsfolgen waren: Einziehung des betrieblichen und des privaten Vermögens, Einziehung der Altguthaben, Aberkennung des aktiven und passiven Wahlrechts, Berufsverbot mit Ausnahme niederer körperlicher Arbeiten und öffentlicher Tadel sowie Registrierung als Kriegs- und Naziverbrecher.

Der Schuldspruch deutscher Kommissionen führte allerdings nicht unmittelbar zu einer Internierung, Freiheitsstrafe oder gar zur Verhängung der Todesstrafe. Dies gilt aber ausschließlich deshalb, weil sich diese Maßnahmen die sowjetische Besatzungsmacht nach Maßgabe des KRG Nr. 10 noch selbst vorbehalten hatte, so daß vor Erlaß des SMAD-Befehls Nr. 201 am 16. August 1947 noch keine Zuständigkeit deutscher Organe zur Verhängung solcher Strafen im Entnazifizierungsverfahren bestand. Dies heißt aber nicht, daß nach den sächsischen Richtlinien zum Volksentscheid schuldig Gesprochene wegen der ihnen deshalb zur Last gelegten Taten nicht auch inhaftiert, interniert oder mit dem Tod bestraft worden wären. Vielmehr führte der Schuldspruch automatisch zu einer Meldung an die zuständigen sowjetischen Organe, die dann ihrerseits eine Verhaftung vornahmen oder durch deutsche Organe vornehmen ließen. Sofern die Betroffenen noch nicht aus dem Gebiet der SBZ geflohen waren, wurden sie dann auch verhaftet und infolge des Schuldspruchs der deutschen Kommissionen von Sowjetischen Militärtribunalen (SMT) als Nazi- und Kriegsverbrecher zu einer durchschnittlichen Freiheitsstrafe von 25 Jahren verurteilt. Sind Betroffene etwa aufgrund von Denunziationen zunächst von sowjetischen Organen inhaftiert worden, haben diese ihrerseits Meldung an die deutschen Organe gemacht, damit auch eine Verurteilung durch die deutschen Kommissionen erfolgen konnte.

Insofern gab es bis zum 16. August 1947 noch unterschiedliche Zuständigkeiten für die strafrechtliche Entnazifizierung von Industriellen, wobei den deutschen Organen nur die Sanktionen der Vermögenseinziehung, des Berufsverbots, des Entzugs der politischen Rechte, des öffentlichen Tadels und der Registrierung vorbehalten war. Freiheitsstrafen, Internierung und Todesstrafen konnten dagegen zunächst nur die SMT verhängen. Soweit diese bis zur Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 noch nicht entschieden hatten, sind diese Verfahren von dem Sondergericht in Waldheim nach sowjetischen Vorgaben abgeschlossen worden.

Trotz der zunächst bestehenden unterschiedlichen Zuständigkeiten besteht aber kein Zweifel an einem einheitlichen Verfolgungsplan. Es ist daher sowohl unzulässig, die Sanktionen der Vermögenseinziehung von den Sanktionen des Berufsverbots und der Aberkennung der politischen Rechte (aktives und passives Wahlrecht) zu trennen und gesondert zu beurteilen, als auch die von deutschen und von sowjetischen Organen verhängten Sanktionen. Insofern stehen auch die gegen die als Nazi- und Kriegsverbrecher hoheitlich beschuldigten Industriellen verhängten Sanktionen der Annahme entgegen, diese Entnazifizierungsmaßnahmen seien eine nur vordergründig als politische Reinigungsaktion getarnte Verstaatlichung gewesen.

Die jedenfalls bis zum 16. August 1947 in Aufgabenteilung zwischen deutschen und sowjetischen Organen durchgeführte Entnazifizierung gegenüber Industriellen hat sich der Sache nach daheer überhaupt nicht von Waldheimfällen i. S. von § 1 II StrRehaG unterschieden, wie die Kammer in ihrem Beschluß vom 15. Dezember 2008 – 2 BvR 2462/07 – unterschieden. Dies gilt sowohl für das vollständige Fehlen rechtsstaatlicher Garantien als auch für die dabei verhängten Sanktionen, die gegenüber denjenigen, denen die SMT habhaft wurden, ebenfalls hohe Freiheits- und Todesstrafen zur Folge hatten. Der einzige Unterschied ist, daß die Entnazifizierung auf der Grundlage des sächsischen Volksentscheides durch deutsche Kommissionen und durch SMT in zwei unterschiedlichen, aber aufeinander bezogene Verfahren durchgeführt wurde. Dieser allein auf zunächst bestehende unterschiedliche Zuständigkeiten beruhende Unterschied ist jedoch rein formaler Natur und rechtfertigt es nicht, diese Fälle materiellrechtlich unterschiedlich zu behandeln. Das gilt erst recht, weil die Waldheimfälle, soweit von ihnen Industrielle betroffen waren, an die Stelle von SMT-Urteilen traten, die bis zum 7. Oktober 1949 von den SMT noch nicht erledigt waren.

Spezifisch strafrechtlich waren die Maßnahmen im übrigen deshalb, weil sie zu dem später durch den SMAD-Befehl Nr. 201 gesetzlich geregelten System des Entnazifizierungsrechts gehörten. Danach konnte u.a. die Sanktion der Vermögenseinziehung niemals in einem verwaltungs-, sondern nur in einem spezifisch strafrechtlichen Verfahren verhängt werden (vgl. nur Ziff. 5 SMAD-Befehl Nr. 201, Ziff. 20 Ausführungsbestimmung Nr. 3 zum SMAD-Befehl Nr. 201 i.V.m. KRD Nr. 38). Ohnehin wurden die Verfolgungsakte mit den Vereinbarungen des Potsdamer Abkommens. Danach mußte aber eine Bestrafung von Nazi- und Kriegsverbrechern erfolgen.

Zwar berufen sich die Richter der 2. Kammer des Zweiten Senats auch noch 18 Jahre seit der Herstellung der deutschen Einheit auf die davon wesentlich abweichende Sachverhaltsdarstellung im sog. Bodenreformurteil aus dem Jahre 1991. Diese stützte sich aber ausschließlich auf wesentlich unvollständige und ersichtlich aus dem Zusammenhang gerissene Angaben der Bundesregierung, mit denen das geschehene Unrecht maßgeblich verharmlost worden ist. Eigene Ermittlungen hat das BVerfG dabei nicht angestellt, sondern im Bodenreform II-Beschluß sogar ausdrücklich darauf hingewiesen, dies sei Aufgabe der Fachgerichte.

Damit steht den von diesen Maßnahmen Betroffenen nach § 1 I 1 StrRehaG ein Anspruch auf strafrechtliche Rehabilitierung zu, der uneingeschränkt sämtliche strafrechtlichen Fälle politischer Verfolgung erfaßt, die im Zeitraum vom 8. Mai 1945 bis zum 2. Oktober 1990 im Gebiet der ehemaligen DDR vorgenommen wurden.

  • 1 VIII lit. a, 1. Halbs. VermG läuft deshalb aber nicht leer, denn es hat auch bloße Enteignungen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage gegeben, die den Maßnahmen, die im Rahmen der Industrie- und Wirtschaftsreform erfolgt sind, ebenfalls zugeordnet werden. Dies gilt etwa für die Enteignung von Banken, Versicherungen, Energieunternehmen, Bergwerken, privaten Eisenbahnunternehmen, Lichtspieltheater und Apotheken, aber auch für die Reparationsleistungen zugunsten der UdSSR.

Entsprechendes gilt – mit Ausnahme von Einzelfällen – auch für die Maßnahmen der sog. Bodenreform. Bei Inhabern von Höfen mit einer Größe von unter 100 ha war die Schuld des Betroffenen als Nazi- und Kriegsverbrecher in jedem Einzelfall von den Landesbodenkommissionen festzustellen. Die angewandten Straftatbestände ergaben sich jeweils aus den Ausführungsbestimmungen zu den Bodenreformverordnungen. Sie entsprachen Straftatbeständen der KRD Nr. 38 und der Richtlinien zum sächsischen Volksentscheid.

Im übrigen hatte der Schuldspruch eine vergleichbare Rechtsfolgen wie derjenige nach den sächsischen Richtlinien zum Volksentscheid. Zusätzliche Sanktionen waren aber außerdem der Kreisverweis und die Internierung nicht nur der Beschuldigten, sondern der gesamten Familien, sofern diese noch nicht geflohen waren. Dazu wurden mehrere Internierungslager unterhalten. Ein besonders bekannt gewordenes Internierungslager befand sich in Prora auf Rügen. Viele Betroffene wurden aber auch in andere NKWD-Speziallager verbracht oder in die UdSSR deportiert. Auch insofern ist es mit den tatsächlichen Verfolgungszusammenhängen nicht vereinbar, wenn die 2. Kammer des Zweiten Senats des BVerfG die Behauptung aufstellt, die Bodenreformverfolgung habe lediglich eine vordergründig als politische Reinigungsaktion getarnte Verstaatlichung dargestellt.

Bei Eigentümern über 100 ha wurde die Strafbarkeit als Nazi- und Kriegsverbrecher dagegen von Gesetzes wegen in den Bodenreformverordnungen vermutet. Dieser Personenkreis wurde damit strafrechtlich wegen ihrer Zugehörigkeit zur Gruppe der Junker, Feudalherren und Großgrundbesitzer verfolgt, die nach den Vorschriften der Bodenreformverordnungen per se Kriegs- und Naziverbrecher waren. In mehreren Ländern bzw. Provinzen hatten diese jedoch die Möglichkeit, den Nachweis zu erbringen, aktiver Antifaschisten gewesen zu sein. Gelang dieser Nachweis gegenüber der Landebodenkommission, wurde im Einzelfall kein hoheitlicher Vorwurf, Nazi- und Kriegsverbrecher gewesen zu sein, erhoben und ihnen wurde ein Resthof belassen. Im übrigen war die Verfolgung mit denselben Sanktionen verbunden wie bei den Personen mit Höfen unter 100 ha.

Sowohl bei Industriellen, die auf der Grundlage der Richtlinien zum sächsischen Volksentscheid verurteilt wurden, als bei Personen, die auf der Grundlage der Bodenreformverordnungen strafrechtlich verfolgt worden sind und deshalb interniert wurden oder dieser Gefahr nur durch ihre Flucht entkommen sind, sind Ansprüche auf strafrechtliche Rehabilitierung gegeben. Daher ist die Aussage der Mitglieder der 2. Kammer des Zweiten Senats des BVerfG, es bestehe für diese Fälle einen gesetzlichen Rehabilitierungsausschluß und sie könnten lediglich Ansprüche nach dem Ausgleichsleistungsgesetz erheblich bereits für das einfachrechtliche Entscheidungsergebnis. Insofern ist es für die weitere Rechtsverfolgung entscheidend, darauf hinzuweisen, daß die Aussagen der Kammerentscheidung insofern einen schweren Verstoß gegen geltendes Recht beinhalten.